CSPimpuls | Health | Blog | Publiziert am 30. Januar 2026

In ganz Europa laufen Digitalisierungsprogramme im Gesundheitswesen nicht als Nice-to-have, sondern als strategische Infrastruktur. Das prominenteste Vorhaben ist der European Health Data Space, kurz EHDS, der inzwischen als EU-Verordnung verabschiedet ist. Ziel des EHDS ist, dass Gesundheitsinformationen nicht mehr primär in lesbaren Berichten verzeichnet sind, sondern als strukturierte, standardisierte Daten über Institutions- und Ländergrenzen hinweg nutzbar werden. Dies soll sowohl für die Versorgung als auch für klar geregelte Sekundärnutzung wie Forschung, Innovation oder Public Health einen substanziellen Mehrwert generieren [1, 2, 3].

Die Schweiz bewegt sich in dieselbe Richtung. Mit dem Swiss Health Data Space, kurz SwissHDS, als Kernbaustein des nationalen Programms DigiSanté soll ein vertrauenswürdiger Rahmen entstehen, der sicheren, gesetzeskonformen und standardisierten Datenaustausch ermöglicht. SwissHDS setzt auf einen dezentralen, föderierten Ansatz und den Aufbau notwendiger Basisdienste [4, 5, 6].

Was heute als Bericht endet, soll morgen als nutzbarer Datensatz weiterleben, während Fax und PDF als Kulturgut erhalten bleiben.

«Strukturierte Daten sind nicht das Ziel, sondern das Mittel zum Zweck

Dieses Vorhaben bedeutet weitaus mehr als eine technische Modernisierung, denn erst wenn Daten strukturiert und standardisiert vorliegen, werden sie über Organisationsgrenzen hinweg tatsächlich nutzbar, zuverlässig und skalierbar.

Was ändert sich wirklich?

Heute werden Behandlungsinformationen in vielen Fällen als Dokumente transportiert. Dies hat sich für menschliche Leser durchaus bewährt, skaliert allerdings schlecht für Automatisierung, klinische Entscheidungsunterstützung, Qualitätsmessung oder systemweite Koordination.

EHDS und SwissHDS sollen diesen Schwerpunkt verschieben:

  1. Dokumente werden zu Datenobjekten
    Informationen werden so erfasst und abgelegt, dass sie maschinenlesbar, standardisiert und wiederverwendbar sind.
  2. Insellösungen werden zu Governance und Interoperabilität
    Zugriff, Berechtigungen, Protokollierung, Standardisierung und Verantwortung sollen essentielle Bausteine des Betriebsmodells sein.
  3. Interoperabilität wird zur Produktanforderung
    Die Kombinierbarkeit von Daten wird Teil von Roadmaps, Beschaffung und Architekturprinzipien.

«Der Engpass ist selten die Technologie, sondern fast immer Verantwortung.»

Diese Verantwortung soll konkret verteilt werden, da Interoperabilität sonst ein Titel auf einer Präsentationsfolie bleibt, der im Projektverlauf Zustimmung erhält, im Betrieb jedoch keine tragfähige Umsetzung findet.

Warum dies zur Führungsaufgabe wird

Die bekannten Engpässe sind Rollen, Verantwortlichkeiten, Prioritäten und «Change», wobei der Übergang zu strukturierter Datennutzung mehrere Berufsgruppen gleichzeitig betrifft. Genau deshalb ist eine frühe Involvierung aller beteiligten Stakeholder, Entscheidungsträger und Anwender essenziell und minimiert das Risiko, dass das System zwar technisch korrekt ist, fachlich aber nicht akzeptiert wird und organisatorisch «niemand zuständig» ist.

Dieser Vorgang ist entscheidend, weil die strukturierte Nutzung von Daten gleichzeitig auch klinische Workflows, Dokumentationspraxis, Codierung, Datenschutz und IT-Architektur verändert. Dahingehend entsteht die Datenqualität an der Quelle und Interoperabilität nur dort, wo Verantwortung und Betrieb früh geklärt sind. Wird diese Abstimmung zu spät vorgenommen, ist das Ergebnis häufig technisch korrekt, fachlich schwer nutzbar und organisatorisch unzureichend verankert.

Zusätzlicher Druck durch die EPD-EGD-Neuausrichtung

Parallel zu SwissHDS wird das Thema «elektronisches Patientendossier» politisch zum «elektronischen Gesundheitsdossier» ausgerichtet. Unabhängig vom finalen Gesetzgebungsprozess ist die Richtung klar: mehr Nutzen, mehr Verbindlichkeit, mehr Standards, mehr Skalierbarkeit [7]. Diess verstärkt die Notwendigkeit, Datenfähigkeit nicht als Nebenprodukt einzelner Projekte zu behandeln, sondern als strategische Kapazität.

Die CSP zeigt mehrere Blickwinkel

Mit dem Transferformat CSPimpuls «Vom EPD zum E-GD: der Health Data Space als Türöffner» am 12. März 2026 in Zürich, möchten wir hierbei eine Brücke in den Alltag schlagen. Wir zeigen anhand von drei Praxisprojekten auf, wie sich der Weg vom EPD zum EGD und die Health-Data-Space-Logik auf unterschiedliche Akteure auswirkt, und thematisieren Chancen, Abhängigkeiten und mögliche Fallstricke.

Für Teilnehmende bietet sich damit die Gelegenheit, aktuelle Entwicklungen wie EHDS und SwissHDS nicht nur theoretisch zu verstehen, sondern deren Bedeutung für die eigene Organisation realistisch zu reflektieren, bevor regulatorische oder technologische Vorgaben den Handlungsspielraum faktisch vorgeben.

Wenn es einen Merksatz geben soll: Health Data Spaces sind weniger ein IT-Projekt als ein Führungsentscheid über Zusammenarbeit, Standardisierung und Verantwortlichkeit.

Quellenverzeichnis:

[1] Europäische Kommission: European Health Data Space Regulation, Überblick und Zielsetzung.
[2] EUR-Lex: Regulation (EU) 2025/327 on the European Health Data Space, Amtsblatt der EU, 05.03.2025.
[3] Rat der Europäischen Union: European Health Data Space, Council adopts new regulation, Pressemitteilung 21.01.2025.
[4] DigiSanté Bund: Gesundheitsdatenraum SwissHDS, Ziele, Abgrenzung, Planung.
[5] Bundeskanzlei: Monitoring Datenräume, Datenraum SwissHDS, Beschreibung und Einordnung.
[6] DigiSanté Bund: Programmübersicht, Rolle SwissHDS im Programm.
[7] news.admin.ch Bundesrat: Neuausrichtung elektronisches Gesundheitsdossier, Kommunikation und Eckpunkte.