Digitalisierung | 29. Januar 2021

Verfasst von: Peter Duwe

Notgedrungen haben wohl mittlerweile alle Erfahrung mit digitalen Workshops, Weiterbildungen und Konferenzen gemacht. Ich habe dabei einige unerfreuliche Erfahrungen gesammelt, hier ein paar «Highlights»:

Erfahrung Nr. 1:
Welch eine Freude, die lang ersehnte Weiterbildung findet als Online-Veranstaltung statt, sie wird doch nicht auf den St. Nimmerleins­tag verschoben! Frohgemut melde ich mich um 9:00 auf Zoom an, der Referent begrüsst uns und lässt gleich die obligate Vorstellungs­runde ausfallen, da das auf Zoom ja «ein bisschen schwierig ist». Dann startet er mit einer frontalen Folienschlacht bis 12:00 (mit kurzer Kaffee­pause), die Teilnehmer hat er stumm geschaltet und auf Fragen im Chat reagiert er nicht. Ich bin nicht der Einzige, der bald die Kamera abschaltet und Emails bearbeitet…

Erfahrung Nr. 2:
Als meine Tochter aufs Gymnasium kam, habe ich mich in der Infoveranstaltung erst mal sehr gefreut: Schon vor Corona hat die Schule eine Lernplattform betrieben! Der erste Blick darauf war dann allerdings ernüchternd: Die mächtige Plattform wird praktisch nur als Ablage für PDF-Dokumente genutzt. Oft liegen hier schlicht Unterrichts­inhalte (teilweise sogar als Bild-PDF), manchmal Aufgabenblätter, praktisch keine audio­visuellen Medien, keine Weblinks, nichts. Und das Ganze in extrem personenabhängiger Systematik und Qualität. Schade eigentlich.

Dabei könnte es ganz anders sein. Bei Ausbildungen geht es ja grundsätzlich immer darum, dass bestimmte Lernziele erreicht werden sollen. Adressat sind die Lernenden, und eine Lehrperson sorgt dafür, dass «es passiert».  Aber was passiert da eigentlich? Die Lehrperson strukturiert und vermittelt die Lerninhalte. Die Studierenden erarbeiten und erschliessen sich diese Inhalte und werden aktiviert, Aufgaben zu lösen oder das erworbene Wissen anzuwenden. Die Lehrperson betreut und unterstützt die Lernenden in diesem Prozess, man kommuniziert und tauscht sich aus.

Digitale Unterstützung von Lernen (egal ob in der Primarschule, der Universität oder in der beruflichen Weiterbildung) kann nun grundsätzlich bei allen drei didaktischen Funktionen hilfreich eingesetzt werden.

Auf der strukturierenden und vermittelnden Seite sind die Bildungsanbieter hier oft schon relativ stark: Die Lehrpersonen haben ihre Materialien und Skripte, welche sie bereitstellen können. Durch abwechslungsreiche Darstellung kann hier aber noch viel gewonnen werden: Digitale Lehrbücher können mit Anmerkungen versehen werden, und ein integriertes Quiz kann direkt zur Repetition und damit Verfestigung des Gelesenen dienen. Anstatt einer Reihe von Folien kann ein Lehrvideo dieselben Inhalte vermitteln. Links auf andere Inhalte oder Websites könne helfen, das Wissen zu vernetzen.

Interaktive, gern auch kompetitiv gestaltete Quizzes aktivieren die Lernenden wirksam, auch in Online Lektionen. Online Whiteboards ermöglichen den Lernenden, Aufgabenstellungen gemeinsam zu lösen und ihre Ergebnisse zu präsentieren. Dabei erschliessen sich die Lernenden das Wissen und die Kompetenzen aktiv.

Austausch und Betreuung können sowohl synchron in (Video-) Konferenzen als auch asynchron über Chat oder Foren erfolgen.

Bereits mit einfachen und «freemium» erhältlichen Mitteln können wir hier sehr gute Designs bauen – wichtig ist, dass wir ein durchdachtes didaktisches Konzept haben und die digitalen Mittel gezielt und dosiert einsetzen. Wie kann so etwas konkret aussehen?

Mittwochmorgen, 8:00 Uhr. Sechzehn Projektleiter eines Energieversorgers wählen sich in MS Teams in den fünften Seminartag ihrer Projekt­management-Ausbildung ein. Ihr Ziel ist es, im Anschluss an den sechstägigen Kurs ein Projektmanagement Fachzertifikat zu erwerben. In der Woche vorher haben sie im Lehrbuch die entsprechenden Theoriekapitel gelesen, und auf einer online Quizplattform einige Verständnisfragen zum Text beantwortet. Ich starte den Seminartag mit einem weiteren Quiz auf der Online Plattform, in dem ich nacheinander weiterführende Fragen zum ersten Theorieblock stelle. Die erste Frage haben alle Teilnehmenden richtig beantwortet, und ich gebe ergänzend ein Beispiel zur Anwendung aus einem Praxisprojekt. Dann gehe ich weiter zur nächsten Frage. Hier haben rund die Hälfte der Teilnehmenden die Frage falsch beantwortet, also blende ich drei vorbereitete Folien auf, erläutere den Theorieblock und beantworte Verständnisfragen. Nachdem wir so mit rund einem halben Dutzend Fragen den Theorieblock durchgearbeitet haben, stelle ich ein Projektszenario vor und erteile die Aufgabe, das Gelernte auf das Szenario anzuwenden. Nachdem die Teilnehmenden in vorbereitete breakout groups gewechselt haben, bearbeiten sie die Aufgabe und dokumentieren die Ergebnisse auf einem online whiteboard. Ich wähle mich in jede Gruppe einmal ein, um Fragen zu beantworten und mir ein Bild von der Diskussion zu machen. Nach der festgelegten Zeit trifft sich die ganze Gruppe wieder im Plenum, zwei der Gruppen stellen ihre Ergebnisse exemplarisch vor und wir diskutieren und ergänzen. An diesem Seminartag kommen weiter noch zwei Videos zum Einsatz, eines zur Vorstellung einer Methode, das zweite als Szenario für eine Gruppenaufgabe. Zum letzten der Theorieblöcke trägt schliesslich ein Teilnehmer mit einem Anwendungs­beispiel bei. Zum Abschluss stelle ich die Vorbereitungsaufgabe für den nächsten Seminartag, und frage (wiederum über eine Online Plattform) die Zufriedenheit mit dem Seminartag sowie Verbesserungs­vorschläge ab.

Klingt nach einer besseren Erfahrung als die beiden eingangs genannten, nicht wahr?

Worauf muss ich nun achten, wenn ich eine Aus- oder Weiterbildung wirksam digital unterstützen möchte? Hier einige praktische Tipps:

  • Digitale Unterstützung darf nie Selbstzweck sein. Wie jedes andere Medium muss auch ein digitales Medium eine klare pädagogische Aufgabe haben.
  • Die Basis ist immer ein pädagogisches Konzept (egal ob ich analog vor Ort oder online unterrichte). Inhalte, Lernziele und didaktisches Vorgehen müssen zuerst klar sein. Beim Designen des Vorgehens darf ich selbstverständlich berücksichtigen was meine Plattformen können. Die Features dürfen aber nicht das Vorgehen vorgeben.
  • Nicht zu viele Plattformen nutzen, denn jeder Wechsel kostet wertvolle Zeit. Lieber bekannte Plattformen vielfältig nutzen.
  • Die meisten von uns lernen auch die Nutzung dieser digitalen Plattformen gerade erst. Niemand kann «einfach so» mit einem digitalen whiteboard umgehen, ebenso wenig wie man «einfach so» gute Flipcharts schreiben kann. Deswegen neue Plattformen erst einmal vorstellen und zeigen, und eine Übungsrunde damit machen lassen.
  • Verzichte auf langatmige Frontal-Beiträge. Jeder kann selbstständig ein Lernvideo ansehen oder ein Buch oder einen Artikel lesen. Nutze die Kontaktzeit, um Fragen zu beantworten, Cases zu diskutieren, und zu miteinander üben.
  • Gestalte die Lektionen abwechslungsreich, nutze verschiedene Medien und Arbeitsformen.
  • Plane in Online Formaten regelmässige Pausen ein. Ich mache meist nach 50 bis 60 Minuten eine Pause von 10 Minuten, das hat sich sehr bewährt.
  • Digitale Formate ermöglichen zeitliche Entzerrung! Wenn ich nicht nach Hamburg reisen muss, kann ich drei Tage Schulung auch auf drei Wochen verteilen. Und dazwischen vertiefen, üben, diskutieren etc.

Wenn man diese wenigen Punkte berücksichtigt, gelingt es, das Interesse der Teilnehmenden auch ohne physische Präsenz zu halten. Man kann mit begrenztem Aufwand Lerninhalte interessant und abwechslungsreich vermitteln, sodass sie auch haften bleiben. Wer positive Erfahrungen mit digital unterstütztem Lernen macht, wird gern wieder auf (gute) online Formate zurückgreifen. So geht erfolgreiche Digitalisierung!